Vogelsang, Erna
Am 23. April 1892 kam in Düsseldorf Erna Vogelsang als zweitjüngste Tochter des Malermeisters Moses Vogelsang und dessen Frau Sophie, geborene Meyer, zur Welt. Sie hatte neun Geschwister: Alfred (07. 09.1878 Asseln), Elisabeth (23.08.1879 Asseln-– 10.11.1941 deportiert Ghetto Minsk), Max (15.10.1882 Asseln – 21.02.1929 Düsseldorf), Rosalie (23.06.1884 Asseln – 10.11.1941 deportiert Ghetto Minsk), Klara (15.01.1886 Asseln), Benno (16.03.1887 Asseln – 16.03.1941 Düsseldorf), Arthur (17.01.1891 Düsseldorf – 11.05.1941 Dortmund), Jenny (24.02.1895 Düsseldorf) und Siegfried (07.06.1896 Düsseldorf).
Die Familie war 1888 von Asseln nach Düsseldorf gezogen. Zum Zeitpunkt von Ernas Geburt wohnte die Familie in der Düsselthaler Straße 51. Ihr Vater führte hier seinen Maler- und Anstreicher Betrieb. Der Malermeister gehörte zu den Gründern des Vereins selbstständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender in Düsseldorf im Jahr 1913. Auch war er viele Jahre Mitglied der Düsseldorfer Handwerkskammer und im Vorstand der Malerinnung.
Sein 1900 lebte die Familie Vogelsang im eigenen Haus in der Schützenstraße 39. Als Erna 15 Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. In ihrer Todesanzeige vom 25. Januar 1907 hieß es: „Gestern Abend entschlief sanft meine innigstgeliebte Frau, unsere herzensgute Mutter (…) nach nahezu 30-jähriger, überaus glücklicher Ehe, im Alter von 50 Jahren. Namens der tiefbetrübten Hinterbliebenen: Moses Vogelsang und Kinder.“
In den 1920er Jahren hatte ihr Vater seinen Betrieb im Haus Bilker Allee 223. Ihr Vater war auch in diesen Jahren sehr aktiv in der Jüdischen Gemeinde. Am 21. Februar 1929 verstarb ihr Bruder Max Vogelsang in Düsseldorf. Der 47-Jährige hatte mit seiner Frau Tilly in Düsseldorf in der Gartenstraße 122 gelebt. Die Trauergebete für ihn fanden aber in seinem Elternhaus statt. In der Todesanzeige hieß es: „Die üblichen Gebete werden abends 8 Uhr Sonntag bis einschließlich Donnerstag Schützenstraße 39 abgehalten.“
Am 22. Januar 1933 verstarb ihr Vater Moses Vogelsang in Düsseldorf. In der Gemeindezeitung für den Synagogenbezirk Düsseldorf verfasste Leo Winter einen ausführlichen Nachruf für ihn. Die Maler- und Glaser Zwangs-Innung Düsseldorf veröffentlichte in den Zeitungen eine Todesanzeige für ihn. Darin hieß es: „Am 22. Januar 1933 verschied unser langjähriges Vorstandsmitglied Herr Malermeister Moses Vogelsang. Er gehörte ca. 50 Jahre unserer Innung an und hat während dieser Zeit stets seine Dienste für die Interessen der Innung gern zur Verfügung gestellt. Sein Andenken werden wir in Ehren halten. Die Beerdigung findet am Dienstag den 24. Januar 1933 auf dem alten israelitischen Friedhof statt. Es ist Ehrenpflicht eines jeden Mitgliedes, an der Beerdigung teilzunehmen. Der Vorstand, Emil Kremer, Obermeister.“
Nur wenige Tage nach seiner Beerdigung kamen Adolf Hitler und seine Nationalsozialisten an die Macht in Deutschland. Für die 41-jährige Erna Vogelsang begannen nun schwere Zeiten. Vermutlich arbeitete sie in den 1930er Jahren in verschiedenen Stätten als Wirtschafterin oder Hausangestellte. Ein bekannter Wohnort ist Köln. Am 6. Juli 1939 zog Erna Vogelsang aus Köln kommend wieder nach Düsseldorf in ihr Elternhaus. Von dort meldete sie sich am 7. August 1939 in die Graf-Recke-Straße 49 um. Das Haus gehörte der jüdischen Familie Cohen. Erna Vogelsang arbeitete hier insbesondere bei der Pflege der 76-jährigen Eva Cohen, die bei dem Überfall auf die Familie Cohen im Zuge des Pogroms 1938 einen schweren Schlaganfall erlitten hatte. Eva Cohen schrieb im Juli 1939 an ihren Sohn Eugen, dem die Emigration nach Großbritannien geglückt war: „Mir geht es soweit gut, ich stehe jetzt täglich auf u. mache Gehversuche u. denke doch, dass ich bald soweit bin, dass ich wieder gehen kann. Hier oben die Etage ist an Dr. Felsenthal u. Mutter vermietet u. wird die nächste Woche unten das Esszimmer u. Wohnzimmer für uns als Schlafzimmer gemacht u. muss ich herunter. Dina ist heute nach Den Haag gefahren, Martha geht am 1. August u. bestaunen wir von Benno Vogelsang seine Schwester, die ganz selbstständig ist, also bleibt gesund u. lasst es Euch weiter gut gehen, grüßt den l. Gert und sagt ihm mal meinen richtigen Namen, herzl. Gruss u. Kuss Eure Mutter.“
Ihre Tochter Aenne Cohen schrieb an Eugen Cohen am 13. August 1939: „Bei dem herrlichen Wetter bringen wir die l. Mama immer auf den Balkon am Wintergarten, & ist sie dann doch in der frischen Luft. Frl. Vogelsang, die neue Hausangestellte, ist sehr gut eingeschlagen, & bin ich sehr froh darüber.“
Am 29. Dezember 1939 verstarb Eva Cohen. Erna Vogelsang zog einige Tage später wieder in ihr Elternhaus in Düsseldorf. Am 11. März 1940 meldete sich Erna Vogelsang nach Hannover in die Richard-Wagner-Straße 22 ab. Dort lebte die jüdische Familie Herzberg. Vermutlich arbeitete Erna Vogelsang bei ihnen im Haushalt als Wirtschaftlerin. Am 30. April 1940 meldete sich Erna Vogelsang wieder kurzzeitig in ihrem Düsseldorfer Elternhaus an. Am 30. September 1940 zog sie nach Krefeld. Im Hausbuch wurde die Adresse Bismarckstraße vermerkt. Nach einem Monat kam sie nach Düsseldorf zurück.
Erna Vogelsang meldete sich aus dem Elternhaus am 28. März 1941 nach Nordrach in Baden ab. Dort arbeitete sie in dem jüdischen Sanatorium und ehemaligen Rothschild´schen Hospital und Lungenheilstätte. Seit 1939 gehörte die Lungenheilstätte zum Besitz der Reichsvereinigung der Juden in Berlin.
Während ihrer Abwesenheit verstarb ihr Bruder Benno Vogelsang am 5. April 1941 im Jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld. Er hatte zuletzt auch in der Schützenstraße 39 gelebt. Das Haus wurde seit Ende der 1930er Jahre fast ausschließlich von Familienmitgliedern bewohnt. Ihre Schwester Rosalie lebte seit 1925 in der Schützenstraße 39 mit ihrem Ehemann Siegfried Stefansky. Seit 1936 hatte ihr Bruder Benno mit seiner Frau Johanna im elterlichen Haus gelebt. Ebenfalls dort lebte seit dem 1. Dezember 1938 ihre Schwester Elisabeth mit ihrem Ehemann Ernst Bader. Das Einzugsdatum legt nahe, dass die beiden zuvor in ihrer Wohnung auf der Graf-Adolf-Straße 160 im Zuge des Pogroms überfallen worden waren. Edgar Vogelsang, der mit seinen Eltern Rosalie und Siegfried Stefansky ebenfalls in der Schützenstraße 39 lebte, schrieb am 17. April 1941 an eine Freundin in den Niederlanden: „Leider waren die letzten drei Wochen einigermaßen aufregend für mich und meine Familie. Innerhalb 3 Wochen sind 2 Brüder meiner Mutter gestorben. Nun kannst Du Dir vorstellen, daß es mir kaum möglich war, mich zum Schreiben hinzusetzen.“
Vermutlich erfuhr Erna Vogelsang während sie in Nordrach arbeitete davon, dass ihre beiden Schwestern mit ihren Ehemännern aus Düsseldorf deportiert werden sollten. Sie wurden mit dem zweiten großen Transport am 10. November 1941 von Düsseldorf ins Ghetto Minsk deportiert. Mit diesem Transport wurden alle jüdischen Mieter des Hauses Schützenstraße 39 deportiert. Nach der Deportation wechselte das Haus an einen „arischen“ Besitzer.
Als auch die Deportation der Belegschaft des jüdischen Sanatoriums in Nordrach zu befürchten war, kehrte Erna Vogelsang kurzzeitig nach Düsseldorf zurück. Sie wohnte zuletzt in der Wagnerstraße 7 in Düsseldorf. Dort war sie am 25. Juni 1942 offiziell angemeldet worden. Knapp einen Monat später, am 21. Juli 1942, wurde Erna Vogelsang vom Güterbahnhof Düsseldorf Derendorf in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Von dort kam sie am 18. Dezember 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie nach der Ankunft ermordet wurde.