Gedenkbuch

Salpeter, Oskar Ojser

Am 20. Januar 1881 kam Oskar Ojser Salpeter als Sohn von Abraham und Golda Salpeter, geborene Koch, in Radomysl Wielki, Mielec zur Welt. Seine Schwester Pauline kam 1893 zur Welt. Oskar hatte noch mindestens einen Bruder: Samuel Salpeter, der am 18. Oktober 1881 geboren wurde. Ein Simon Salpeter, am 25. März 1885 in Mielec geboren, war möglicherweise ein weiterer Bruder. Er fiel als Soldat im Ersten Weltkrieg. Die Familie Salpeter lebte in Mielec. In dem Ort gab es eine große jüdische Gemeinde. Von 45 Geschäften wurden 41 von jüdischen Familien geführt. 1905 lebten über 4000 Juden in der Stadt. Das entsprach 62% der gesamten Stadtbevölkerung. Als im Zuge des Ersten Weltkrieges russische Truppen die Stadt am 21. September 1914 erreichten, wurden von den Soldaten jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert. Dies war für viele Familien der Auslöser die Stadt zu verlassen und in den Westen zu gehen. Auch Oskar Salpeter könnte diese Option gewählt haben. Er lebte ab dem 10. November 1918 in Düsseldorf.

Am 26. August 1919 heiratete Oskar Salpeter in Dortmund Brunhilde Bronia Issler. Seine Frau stammte aus Radomysl, wo sie am 28. April 1891 zur Welt gekommen war. Das Paar bezog am 11. November 1919 eine gemeinsame Wohnung in Düsseldorf. Auch Oskars Bruder Samuel Salpeter lebte in Düsseldorf. Er betrieb die Firma S. Salpeter im Haus Schützenstraße 2, Ecke Wehrhahn.

Am 30. Mai 1923 kam die Tochter Klara zur Welt. Es folgte die Tochter Erika (genannt Rika), die am 8. September 1925 geboren wurde. Am 24. Februar 1928 wurde Doris (Dora genannt) in Düsseldorf geboren. Das jüngste Kind war die am 8. April 1930 geborene Charlotte (Lotte). Die Familie Salpeter wohnte in der Adersstraße 8. Oskar Salpeter betrieb eine Textil-Großhandel in der Charlottenstraße 13. 1930 kam es im Zuge der Weltwirtschaftskrise zu wirtschaftlichen Problemen. Die Situation der Familie verschlechterte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. In Anbetracht der zunehmenden Diskriminierung jüdischer Bürgerinnen und Bürger machten Oskar Salpeters Schwester Pauline und deren Ehemann Julius Croland ihnen Ende des Jahres 1937 den Vorschlag, seine älteste Tochter Klara zu sich nach Amerika kommen zu lassen. Am 15. Juni 1938 bestieg Klara (später Kläre) Salpeter im Hamburger Hafen die SS Washington mit Ziel Amerika. Oskar Salpeter hatte seine Tochter nach Hamburg begleitet.

Im August 1938 verbrachten seine Töchter Lotte und Doris die Ferien in Sögel im Emsland. Den Ferienaufenthalt hatte die jüdische Gemeindeschwester Ella Bial organisiert. „Gestern haben die Kinder Zeugnisse bekommen, die Doris, war die zweitbeste in der Klasse und auch die Rika ist ziemlich gut und Lotte wie sonst“ schrieb seine Frau an Kläre am 14. Oktober 1938. Und Tochter Doris schrieb am 18. Oktober 1938: „Da die Briefe manchmal länger unterwegs sind, so kannst Du öfters schreiben, weil die l. Mutti sonst sehr besorgt ist.

Am 28. Oktober 1938 wurde die Familie Salpeter zusammen mit anderen vormals polnischen Juden aus Düsseldorf an die deutsch-polnische Grenze abgeschoben. Am 31. Oktober 1938 schrieb seine Frau Bronia aus Posen an Klara: „Liebes Kind, sorge Dich nicht um uns, ich bin glücklich, dass Du nicht dabei warst“ und Rika schrieb auf die Postkarte: „Heute sind wir in Polen angekommen. Ich kann Dir nicht viel schreiben, da ich sehr müde bin.“ Am 4. November 1938 schrieb seine Frau Bronia Salpeter aus Posen: „Meine Lieben! Leider sind wir seit dem 28. Oktober vertrieben ohne etwas mitnehmen zu können, wie gesagt in einem Hemd sodass es für uns jetzt sehr bitter ist.“
Und am 12. November 1938 schrieb seine Frau sehr ausführlich über die erfolgte Ausweisung, die als „Polenaktion“ in die Geschichte eingegangen ist: „Am 29. Oktober nachts um 2 Uhr wurde bei uns geschellt, wir waren im ersten Schlaf und haben wir nicht direkt aufgemacht, gleich darauf wurde an der Etage geschellt, natürlich hat sich der liebe Papa sehr erschrocken, sagte ich werde schon nachsehen, beim Anblick wer draußen steht, kriegte ich so einen Schrecken dar vor der Türe 3 Männer standen und gleich stürmisch sagten, hier Polizei sofort aufmachen. (Gleich wie die hereingekommen sind, haben sie gesagt ganz energisch es wäre ein Auftrag, wir müssen uns sofort anziehen und zur Wache mitgehen. Es hat kein Flehen und kein Beten geholfen, die sollen uns doch sagen warum wir in der Nacht zur Wache kommen sollen, darauf die Antwort, die wissen nichts und verlangten unsere Pässe und man musste unterschreiben, dass wir sofort Deutschland verlassen mussten und wer nicht unterschreiben wollte wurde gezwungen. In diesem Schrecken haben wir uns angezogen, darauf sagten sie auch, dass auch die Kinder müssen mit, so könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen die Angst der Kinder. Mitnehmen sagten die Beamten soll man nicht mehr wie man selbst tragen kann. (…) da hat man uns zur Wache Fürstenwall gebracht, wie wir da hingekommen sind wurde es uns dunkel vor den Augen, denn da sassen schon viele von unseren Bekannten und jeden Augenblick hat man neue Menschen zur Wache gebracht. Von da aus hat man uns ins Polizeigefängnis gebracht, inzwischen waren es einige Hundert Menschen gewesen, jede in Zellen untergebracht. Die ganze Nacht haben wir so verbracht endlich wie es hell wurde hat man uns in die Reihe gestellt und im Hof unter strenger Bewachung die Namen verlesen, aber noch immer nicht gesagt, was mit uns geschehen soll. Dann mussten wir wieder in die Zellen zurück, natürlich ohne Essen und Trinken, dann die haben etwas hereingegeben, aber man war nicht imstande etwas herunter zu kriegen und so hat man verbracht bis Freitag Abend 6 1/2 Uhr hiess es wieder wir kommen heraus und wurden wieder unter Bewachung aufgestellt aber immer noch nicht gesagt wohin wir kommen. Gleich darauf kamen große Polizeiwagen und so sind nach der Reihe in Wagen gekommen und zuerst wurde jeder untersucht ob man Geld bei sich hat. Jedem wurde alles abgenommen was man bei sich hatte, ich hatte 1700 RM bei mir da ich denselben Tag beim Nord Deutschen Loyd unsere Karten bezahlen wollte (…) ich sagte zu den Beamten, dass sie es mir nicht abnehmen sollen, da wir bald nach Amerika fahren und das Geld für Karten bestimmt sei. Es half nichts, haben es abgenommen und mir für jeden 10 RM gegeben. Bald darauf haben sie uns mit Wagen zur Bahn gebracht und jeden unter den Arm ein Brot gedrückt wie die ganz schweren Verbrecher, gegen 7 Uhr waren alle Menschen, die sie mitgenommen haben im Zug, unter strenger Bewachung ist der Zug abgefahren. So sind wir die ganze Nacht gefahren, ohne Essen und Trinken, denn das trockene Brot konnte man nicht herunterkriegen, und Fenster oder Tür konnte man nicht aufmachen. Um 9 Uhr morgens, das war Schabes früh, sind wir an der Polnischen Grenze angekommen. Da hat man uns erst vom Zug herausgelassen, jedem seinen Pass wiedergegeben, auf der anderen Seite stand ein Polnischer Zug, der hat uns eine Station weiter mitgenommen, viele unserer Leidensgenossen mussten dann 3-4 Stunden zu Fuß den Weg laufen bis sie die polnische Grenze erreicht haben, zu Tode abgemattet kamen wir nach Zbaszyn an, inzwischen waren es von allen Teilen Deutschlands 5-6 Tausend Menschen da. Da hat man uns in Baracken untergebracht und man sorgte auch für essen. Vor Müdigkeit lag man in den Baracken eingequescht wie die Heringe, (…) Bis Sonntagmittag haben wir uns so im Freien aufgehalten bis wir endlich nach Posen weiter gefahren sind. In Posen angekommen hat sich das Komitee unser angenommen und versorgt für Essen und Quartier. In Posen sind noch heute über 500 Emigranten und Zbaszyn sind noch heute 5.500, jetzt darf man nicht von Zbaszyn raus, bis die Regierung es erlauben wird. (…)

Seine Tochter Dora erkrankte in Polen an Scharlach und musste ins Krankenhaus. Am 21. Dezember 1938 konnte sie das Krankenhaus wieder verlassen. In der Zwischenzeit fuhr Oskar Salpeter mit seiner Tochter Rika nach Krakau zu Verwandten, um zu klären, ob es dort für die Familie besser wäre. Da sie die Papiere und das Geld für die bestellten Schiffskarten nach Amerika in Düsseldorf hatten, hofften Oskar Salpeter und seine Frau, dass sie aus Polen die Genehmigung erhalten würden, nach Düsseldorf zurückzufahren, um die Ausreise in die Wege leiten zu können.

Nach Doras Entlassung aus dem Krankenhaus fuhr seine Frau mit Lotte und Dora nach Tarnow. Oskar Salpeter und seine Tochter Rika blieben weiterhin in Krakau. Im Dezember 1938 war seine Frau dann wieder mit den beiden Töchtern in Posen. Sie schrieben am 21. Dezember 1938 über ihre Bemühungen, zu Klara/Cläre nach Amerika zu kommen, Lotte ergänzte auf dem Brief „Wir hoffen Dich bald wieder zu sehen. Hier ist es sehr kalt.“  Und Doris ergänzte: „Wie Du siehst bin ich wieder aus dem Krankenhaus. Mir geht es G.s.D. wieder gut. Wir wohnen jetzt bei sehr netten Leuten, hoffentlich kommt der liebe Vati und Rika bald nach Posen zurück.“ Im Januar 1939 war die Familie wieder in Posen vereint. Sie lebten nun nicht mehr privat, sondern mit weiteren 200 aus Deutschland Ausgewiesenen in einem jüdischen Spital.

Am 9. April 1939 war Oskar Salpeter wieder in Düsseldorf. Er hatte eine Genehmigung bis zum 16. Mai erhalten. Sicherheitshalber stellte seine Frau ebenfalls einen derartigen Antrag, falls Oskar Salpeter nicht alles in der kurzen Zeit regeln konnte. Vom amerikanischen Konsulat erhielt die Familie im April 1939 die Nachricht, dass sie noch sieben Jahre auf ihr Visum warten müssen. Da das polnische Komitee für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland die Bestimmung erließ, dass Rückkehrer aus Deutschland sich in ihre Geburtsgemeinde begeben sollten, konnte Oskar Salpeter und Familie nicht in Posen bleiben. Sie erhielten wegen ihrer geplanten Emigration nach Amerika eine Ausnahmeerlaubnis. Doch dann sollten auch sie sich nach Radomysl begeben.

Ende Juli 1939 fuhr seine Frau nach Düsseldorf. Sie hatte die Erlaubnis, dort 8 Wochen zu bleiben. Sie kam in der Adersstraße 8 unter. Vor Beginn des Kriegsausbruchs reiste sie wieder zu ihrer Familie nach Polen zurück. Nach Kriegsausbruch flüchteten sie von Posen nach Warschau. Dort blieben sie acht Wochen. Dann gingen sie nach Mielec. Von dort schrieb seine Frau am 26. August 1939 eine Karte an ihre Tochter in den USA, die am 25. November dort ankam. Am 1. Januar 1940 schrieb Rika eine weitere Karte an Cläre. Sie schrieb: „Wie du siehst haben wir schon wieder eine neue Adresse. Unsere vorige Wohnung war nur für den Sommer und jetzt wohnen wir mit einer alleinstehenden Frau in einem großen Zimmer und Küche. (…) Hier in T.(arnow) sind sehr viele Bekannte aus D’dorf wie Wwe. Birnbach mit Hella und Pescha. Ita ist verheiratet und wohnt in Belgien während Lotti und Josef in Schanghai sind und von da aus nach USA wollen. Auch sind hier Frau und Herr Kanarek, Rosa ist in Palästina. Mechthilde und Eltern wohnen 1 Stunde von hier in einem Dorf.

1940 lebte Oskar Salpeter mit seiner Familie weiterhin in Mielec, Rynek 15. Ihre Schiffskarten waren mittlerweile verfallen und das Stuttgarter Konsulat gab ihnen die Nachricht, dass für sie nun das Warschauer Konsulat zuständig sei. Oskar Salpeter schrieb am 11. Februar 1940 aus Mielec an seine Tochter: „Deinen lieben Brief vom 10. Januar 1940 haben wir gestern erhalten, dieser Brief ist der erste seit wir Ende August 1939 von Posen weggefahren sind. (…) Die Kinder lernen leider nichts seit sie von D’dorf fort sind. Mit unserer Ausreise ist vorläufig nicht zu rechnen.“  Im Juni 1940 befanden sich die Salpeters wieder in Tarnow. Am 18. Juni 1940 schrieben sie an Cläre: „Mein geliebtes Kind! Teile Dir mit, dass wir seit einigen Tagen hier sind, denn wir konnten es nicht mehr aushalten, aber viel haben wir uns nicht verbessert. Das einzigste wäre jetzt, dass wir liebes Kind bald zusammen sein könnten.“

Die letzte Postkarte, die seine Tochter Cläre in den Vereinigten Staaten erreichte, war am 28. September 1941 in Tarnow geschrieben worden. Seine Tochter Rika berichtete Cläre darin: „Ich arbeitete viel (in einer Bürstenfabrik) und verdiene wenig, so daß ich den Eltern kaum helfen kann. Es ist eben nicht einfach. Liebe Cläre, ich habe hier ein nettes Mädchen aus Berlin kennengelernt, bei ihr lerne ich Deutsch, Rechnen und Hebräisch. Englisch lerne ich bei einem anderen Frl. zusammen mit Hella Birnbach“.

Die Deutschen errichteten im Juni 1942 ein geschossenes Ghetto in der Stadt Tarnow, indem alle jüdischen Familien leben mussten. Schon zuvor waren jüdische Personen genötigt worden in diesen Teil der Stadt umzuziehen. Dies betraf vermutlich auch Oskar Salpeter und seine Familie. Im September 1942 begannen die Ermordungsaktionen. Teile der Ghettobewohner, insbesondere Kinder, wurden dabei im Vernichtungslager Belzec ermordet. Wann und wo Oskar Salpeter und seine Familienangehörigen ermordet wurden, ist nicht genau zu ermitteln. Sie alle haben die Verfolgungszeit nicht überlebt.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf