Gedenkbuch

Lewin (Levin), Hildegard

geb. Gerson

Am 20. Januar 1895 kam Hildegard Gerson in Wongrowitz bei Posen als Tochter von Bernhard und Ulrike Gerson, geborene Abraham, zur Welt. Hilde war die jüngste von sieben Geschwistern: Gustav (1876–1942), Selma (1880–1942), Max Bernhard (1881–1959), Elsa Grete (1883–1942), Siegfried Hermann (1885–1909), Nanny (1888–1942) und Hanna Paula (1892–1941). Ihr Vater Bernhard Gerson arbeitete als Kaufmann in Wongrowitz. Die Familie war sehr religiös. Später zogen sie nach Berlin. Am 18. Dezember 1909 verstarb ihr Bruder Siegfried Hermann Gerson in Berlin. Er wurde nur 24 Jahre alt. Am 29. Dezember 1916 verstarb ihr 72-jähriger Vater Bernhard Gerson in Berlin.

Am 3. August 1920 heiratete Hildegard Gerson in Berlin den Ingenieur Max Levin (Lewin). Ihr Mann stammte aus Pasewalk, wo er 1885 zur Welt gekommen war. Zum Zeitpunkt der Hochzeit lebte ihr Mann bereits in Düsseldorf in der Harkortstraße 17. Nach der Hochzeit zog auch Hilde Levin nach Düsseldorf. Sie wohnten nun in der Lessingstraße 53. Am 17. August 1921 kam ihre Tochter Ilse Ruth zur Welt. Es folgte die Tochter Ingeborg, genannt Inge, am 2. Oktober 1925. Als dritte und letzte Tochter kam am 19. Mai 1928 in Düsseldorf Miriam Charlotte zur Welt.

Hilde Levin wohnte mittlerweile mit ihrem Ehemann und den drei Töchtern in einer Wohnung am Fürstenplatz 10. Ihr Mann betrieb die Firma für Maschinen und Werkzeuge „Max Lewin“ in der Volksgartenstraße 57. Auf vielen amtlichen Dokumenten wird der Nachname „Levin“ geschrieben. Der Firmenname in den Düsseldorfer Adressbüchern erscheint jedoch immer als „Lewin“. Auch im Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 wurde Hildegard Levin nur mit der Schreibweise “Lewin” vermerkt. Da sie selbst auf Dokumenten mit “Levin” unterschrieben hat, wird ihre Lebensgeschichte im Düsseldorfer Gedenkbuch mit dieser Schreibweise erzählt.

Ihre Töchter beschrieben die Ehe ihrer Eltern als glücklich. Wenn Hilde Levin mit ihrem Ehemann etwas besprechen wollte, was die Töchter nicht mitbekommen sollten, sprachen sie hebräisch. Sie kochte koscher und hielt in der Küche die Speisegesetze ein. Sie feierten jeden Freitagabend Schabbat und samstags gab es nur kalte Speisen zu essen. Die Familie besuchte regelmäßig die Synagoge in der Kasernenstraße. Sie waren aktive Mitglieder der Düsseldorfer Synagogengemeinde. Manchmal kam aus Berlin ihre Mutter zu ihnen als Gast. Am 13. Februar 1933 verstarb ihre Mutter Ulrike Gerson in Berlin.

Ihre Tochter Ilse Ruth wurde am 27. Mai 1936 eingesegnet. Sie besuchte zu dieser Zeit noch die Luisenschule. Ihre Geschwister mussten auf die jüdische Schule in der Kasernenstraße wechseln. Zu Ilses Bat Mizwa kamen auch die Eltern ihres Mannes, Julius und Rosalie Levin aus Pasewalk einige Tage zu Besuch nach Düsseldorf. Überhaupt schildern Hilde Levins Töchter ihre Mutter als “Familienmensch”. Häufig war jemand aus ihrem großen Familienkreis zu Besuch in Düsseldorf.

Die negativen Auswirkungen der antijüdischen Gesetze beunruhigten Hilde Levin. Ihre Töchter erinnerten sich später, dass ihre Mutter schon vor 1938 mit ihrem Mann über eine mögliche Ausreise sprach. Doch Max Levin wollte sein Geschäft und seine Heimat nicht aufgeben. Dies änderte sich massiv durch die Ereignisse im Zuge des Novemberpogroms 1938. Die Tochter Ilse erinnerte sich später in einem Interview an den Überfall der Nazis in ihrer Wohnung in der Nacht zum 10. November 1938. Alles wurde zerstört und Max Lewin wurde verhaftet und mitgenommen. Vom 10. November bis 16. November 1938 war er im Polizeigefängnis inhaftiert, dann erfolgte der „Transport“ in das Konzentrationslager Dachau. Er kam zehn Tage später völlig geschwächt aus Dachau zurück. Man hatte ihm gesagt, er müsse so schnell wie möglich Deutschland verlassen.

Hilde Levin organisierte seine Abreise noch während er in Haft war. Er floh im November 1938 zunächst nach Kuba. Außerdem beschloss sie zusätzlich, die beiden jüngeren Töchter außer Landes zu bringen. Inge und Miriam konnten am 15. Dezember 1938 mit einem Kindertransport in die Niederlande ausreisen. Beide wurden im „Rivierhuis“ in De Steeg bei Rhenen untergebracht. In dem Haus wurden normalerweise Kinder über mehrere Monate in Kur geschickt. Inge und Miriam blieben dort bis Mai 1939.

Hilde Levin und ihre älteste Tochter Ilse blieben in Düsseldorf zurück. Die Wohnung im Fürstenplatz 10 war nach dem Überfall nicht mehr bewohnbar. Beide kamen bei Bekannten unter. Sie versuchten, etwas von ihrem Besitz zu verkaufen und die Firma ihres Mannes aufzulösen, um ihre Ausreise zu finanzieren. Außerdem stellte sie einen Lift mit einigen geretteten Gegenständen etc. zusammen, der nach Kuba geschickt werden sollte. Hilde Levin wollte mit den drei Töchtern nach Havanna zu ihrem Ehemann. Sie schaffte es, kubanische Einreisepapiere und Tickets für die St. Louis zu kaufen. So bestieg sie mit Ilse am 19. März 1939 die St. Louis im Hamburger Hafen. Das Schiff verließ am 13. Mai 1939 den Hafen mit mehr als 900 hauptsächlich jüdischen Flüchtlingen an Bord. Ziel war Kuba. Von dort wollten die meisten der Passagiere dann weiter in die USA reisen.

Mit dem Kinderheim in De Reede war vereinbart worden, dass Mirjam und Inge begleitet von einem jüdischen Helfer von Rhenen über Paris mit dem Zug nach Cherbourg gebracht werden sollte. Dort war für die St. Louis am 15. Mai 1939 ein eintägiger Stopp geplant. Alles klappte und Mirjam und Inge kamen in Cherburg auf das Schiff. So war Hilde Levin mit ihren Töchtern wieder vereint. Der Kapitän Gustav Schröder, obwohl er unter der Hakenkreuzfahne segelte, hatte seine Crew angewiesen, alle Passagiere gut und gleich zu behandeln. Die Stimmung an Bord war gelöst. Auf dem Oberdeck befanden sich Sonnenliegen und ein Schwimmbad, das genutzt werden konnte. Am 27. Mai 1939 traf das Schiff in Havanna ein, musste aber auf Befehl der Behörden in der Bucht vor Anker gehen. Die Einreise wurde nicht erlaubt. Ihr Mann Max Levin kam wie viele andere in einem der vielen kleinen gemieteten Boote nah an das Schiff. Er konnte winken und rufen, aber keiner durfte an oder von Bord. Das Schiff blieb tagelang in der Bucht während Verhandlungen liefen. Letztlich wurde Kapitän Schröder von der Reederei angewiesen, nach Hamburg zurückzukehren. Aber nicht nur er wusste, was dies für die jüdischen Passagiere bedeuten würde. Schließlich einigten sich England, Frankreich, Belgien und die Niederlande im allerletzten Moment darauf, dass sie jeweils einen Teil der Flüchtlinge aufnehmen würden. Dafür ankerte die St. Louis in Antwerpen, wo alle Passagiere ausgeschifft wurden. Hildegard Levin und ihre Töchter wurden zusammen mit 176 Passagieren am 18. Juni 1939 auf ein kleineres Schiff überführt, dass von Antwerpen nach Rotterdam fuhr. Dort wurden sie zunächst in der ehemaligen Quarantänestation auf dem Heijplaat, entlang der Nieuwe Maas, untergebracht. Das Lager war von Stacheldraht umgeben und wurde bewacht. Über einen kurzen Zwischenstopp in einer Quarantäne Station in Amsterdam kamen Hilde Lewin und ihre Töchter schließlich in das Flüchtlingslager Westerbork. Das Lager war im Oktober 1939 eröffnet worden. Die Levins gehörten zu den ersten Bewohnern. Zu dieser Zeit war Westerbork ein reines Flüchtlingslager. Alle Bewohner konnten es jederzeit verlassen. Hildegard Levin fand eine Arbeit in einem Krankenhaus in Groningen und fuhr in der Woche dorthin zur Arbeit. Auch ihre ältere Tochter fand eine Beschäftigung. Ihre beiden jüngeren Töchter erhielten Schulunterricht im Lager.

Am 10. Mai 1940 begann der Krieg für die Niederlande mit der Bombardierung von Rotterdam. In der Folge wurden die Niederlande von den Deutschen besetzt. Die ganze Situation für jüdische Flüchtlinge in den Niederlanden änderte sich auf fatale Weise. Hilde Levin und ihre Töchter blieben im Lager Westerbork.

Am 1. Juli 1942 übernahmen die deutschen Besatzer das Lager Westerbork und nutzten es als polizeiliches Durchgangslager. Nun war das Lager bewacht. Am 1. Februar 1944 wurden Hilde und ihre Töchter aus dem Durchgangslager Westerbork in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Hildes jüngste Tochter Miriam erinnerte sich später, dass die Ankunft dort, sie und ihre Familie geschockt habe. Zu diesem Zeitpunkt war das Lager schon stark überfüllt. Die Versorgung war völlig unzureichend. Es kursierten viele Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose. Medizinische Versorgung gab es keine. Jeden Tag starben die Menschen. Hilde Lewin und ihre Töchter wurden im Lager getrennt. Sie lebten in verschiedenen Baracken und mussten Zwangsarbeit leisten.

Hilde Levin starb am 22. März 1945 in Bergen-Belsen an Erschöpfung, Unterernährung und Krankheit. Ihre Töchter überlebten die Zeit in Bergen-Belsen. Anfang April 1945 wurde entschieden, die etwa 6700 Juden aus dem KZ Bergen-Belsen wegzubringen. Das beabsichtigte Ziel war das Ghetto Theresienstadt. Etwa 2500, darunter Ilse, Inge und Mirjan Levin, sollten mit dem ersten Zug abreisen. Am 6. April 1945 verließen sie das Lager, marschierten etwa 6 km zum Bahnhof und wurden in die Waggons eines Güterzuges verladen. Am 13. April 1945 hielt der Zug zwischen Zielitz und Farsleben (bei Magdeburg). Die deutsche Bewachungsmannschaft wartete auf weitere Befehle. Am Mittag erreichte eine amerikanische Patrouille, begleitet von zwei leichten Panzern, den wartenden Zug. Die deutschen Bewacher flohen; die Menschen in den noch geschlossenen Güterwagen wurden von den Amerikanern befreit. Ilse, Inge und Mirjam hatten überlebt. Da sie krank und sehr geschwächt waren wurden sie in das DP Camp Hillersleben gebracht. Mit Hilfe des Roten Kreuzes kehrten sie zunächst in die Niederlande zurück. In der Folgezeit gelang es ihnen zu ihrem Vater Max Levin nach Amerika zu kommen.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf