Gedenkbuch

Wihl, Franziska

geb. Hartoch

Am 17. Februar 1880 kam Franziska Wihl in Düsseldorf als Tochter von Salomon und Rebecca Hartoch, geborene Russ, zur Welt. Sie hatte neun Geschwister. Ihr Vater Salomon Hartoch war 1835 in Aachen geboren, ihre Mutter Rebecca, geborene Russ, 1838 in Lissa. Im Jahr 1860 hatten Franziskas Eltern geheiratet und zunächst in Geilenkirchen gelebt, wo Franziskas älteste Geschwister Simon (geboren 1862) und Pauline (geboren 1864) zur Welt gekommen waren. Dann war die Familie nach Mönchengladbach gezogen. Dort waren ihre Geschwister Henriette (geboren 1866), Martha (geboren 1867), Thekla (geboren 1868), David Theodor (geboren 1870) und Helene (geboren 1872) zur Welt gekommen. 1873 war die Familie schließlich nach Düsseldorf gezogen. Hier waren ihr Bruder Louis (geboren 1874) und ihre Schwester Erna im Jahr 1882 geboren worden.

Die Familie Hartoch führte in Düsseldorf seit 1878 das Warenhaus Gebr. Hartoch. Die erste Adresse des Geschäftes war am Burgplatz. Die Leitung hatte Franziskas Vater Salomon Hartoch und später ihr Bruder Simon Hartoch (1862-1921). Franziskas Mutter Rebecca Hartoch regelte den Haushalt und sorgte sich auch um die schulische Ausbildung ihrer Töchter.

Am 19. März 1899 verstarb Franziskas Vater Salomon Hartoch und wurde auf dem alten jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße in Düsseldorf begraben. Ihre Mutter Rebecca Hartoch beendete daraufhin ihr Tagebuch mit den Worten: „Seit dem Tode meines lieben seligen Salomons ist meine Freude dahin. Still ist es in meinem Herzen, still für mich überall. Eine Pflicht beseelt mich, meinen Kindern möglichst mit Gottes Hilfe eine gesunde Mutter zu erhalten und ganz besonders den Jüngsten, die noch manche Mutterhilfe nötig haben. Ich kenne keine größere Freude, als nur meine Kinder. So lange sie noch alle in meiner Obhut waren, war die glücklichste Zeit meines Lebens. Doch ist mein Herz ruhiger geworden, seitdem sie alle groß sind.

Im Jahr 1902 verlobte sich Franziska mit Julius Wihl aus Krefeld. Sie wohnte zu diesem Zeitpunkt in Düsseldorf in der Graf-Adolf-Straße 31. Ihr Verlobter unterhielt seit Februar 1900 zusammen mit seinem Bruder Adolf Wihl die Firma „Gebrüder Wihl“ in Krefeld. Ihr Ehemann wurde später Vorsitzender der westlichen Gruppe der Vereinigung Deutscher Krawattenfabrikanten. Am 26. April 1903 heirateten die beiden und bezogen eine gemeinsame Wohnung in Krefeld. Am 10. Februar 1904 kam ihre Tochter Sophia zur Welt. Das Baby verstarb jedoch früh. Es folgte der Sohn Herbert am 24. September 1905. Franziska Wihl lebte mit ihrer Familie in einer Wohnung in der ersten Etage im Haus Dionysiusstraße 28 in Krefeld. Im Haushalt half ihr eine Hausangestellte.

In Düsseldorf eröffnete die elterliche Firma im Jahr 1905 einen großen und eindrucksvollen Warenhausneubau mit imposanter Passage in der Düsseldorfer Altstadt. Das Warenhaus wurde auch über die Grenzen von Düsseldorf sehr bekannt. Ihre Mutter und ihre Schwester Erna wohnten in der Sternstraße 70 in Düsseldorf. Franziska besuchte die Geschwister und ihre Mutter in Düsseldorf regelmäßig.

Am 26. Juli 1916 verstarb ihr Schwager Adolf Wihl im Alter von 43 Jahren. Ihr Ehemann Julius Wihl musste nun zunächst die Firma „Gebrüder Wihl“ alleine führen. Am 12. Juli 1918 wurde Franziska Wihl als persönlich haftende Gesellschafterin der Firma in das Krefelder Handelsregister eingetragen. In dieser Zeit hatte ein weiteres trauriges Ereignis stattgefunden: Ihre Mutter Rebecca Hartoch war am 17. Dezember 1917 in Düsseldorf verstorben.

Seit 1911 wohnte Franziska Wihl mit ihrer Familie in Krefeld im Haus Südwall 22. Am 24. Februar 1919 verstarb ihr Ehemann im Alter von 44 Jahren. Für Franziska Wihl war dies ein weiterer harter Schlag. In die Todesanzeige ließ sie den Satz schreiben: „Wer die seltenen Eigenschaften des Verstorbenen gekannt hat, wird unsern Schmerz zu würdigen wissen.“ Auf seinen Grabstein auf dem neuen jüdischen Friedhof in Krefeld ließ Franziska Wihl die Widmung anbringen: „Stark war dein Wille, reich dein Gemüt, unvergesslich dein Wirken.

Die Firma übernahm nach dem Tod ihres Mannes zunächst der Prokurist Ernst Leven. Ihr Sohn beendete seine Schullaufbahn und erhielt eine kaufmännische Ausbildung im elterlichen Geschäft. Im März 1931 löste Franziska Wihl formal die „Firma Gebrüder Wihl“ auf und führte das Geschäft alleine fort. Ihr damals 26-jähriger Sohn Herbert Wihl erhielt eine Einzelprokura. Doch im Zuge der Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 geriet der Betrieb in Zahlungsschwierigkeiten. Im September 1932 musste ein Konkursverfahren eröffnet werden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Situation noch schwieriger.

Im November 1935 emigrierte ihr Sohn Herbert in die Niederlande. Franziska Wihl folgte ihrem Sohn und wohnte seit dem 2. April 1936 in Amsterdam. Seit dem 31. März 1937 war sie unter der Adresse „Frederiksplein 6 I“ gemeldet. In die Wohnung zog am 31. Dezember 1937 auch ihr Sohn mit seiner nichtjüdischen Ehefrau Maria Wilhelmine Erkens ein. Auch sie stammte aus Krefeld. Die beiden hatten zwei Tage zuvor in Amsterdam geheiratet.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Niederlande im Zuge des Zweiten Weltkrieges begannen auch dort die Verfolgungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung. Ein Ziel der deutschen Besatzungsorgane war die Registrierung der jüdischen Bevölkerung. Am 10. Januar 1941 wurde eine Registrierungsplicht für Juden eingeführt. Im Februar 1941 erfolgten dann erste Verhaftungsrazzien in Amsterdam. Ab dem 2. Mai 1942 mussten Juden in den Niederlanden einen gelben „Judenstern“ an der Kleidung tragen. Die Bewegungsfreiheit wurde kontinuierlich eingeschränkt. Ab dem 30. Juni 1942 durften Juden nach 20 Uhr abends nicht mehr auf der Straße sein. Auch mit einem Fahrrad zu fahren war nun verboten.

Ab dem 2. April 1943 befand sich Franziska Wihl im Durchgangslager Westerbork. Sie wurde der Baracke 72 zugeteilt. Am 6. April 1943 wurde die 63-Jährige von dort mit über 2000 anderen jüdischen Insassen in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und nach der Ankunft ermordet.

Ihr Sohn Herbert Wihl überlebte mit seiner Frau und der Tochter Helga. Herbert Wihl verunglückte tödlich am 28. Mai 1956 in Amsterdam.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf