Gedenkbuch

Schieren, Helene

geb. Jacobs

Am 7. Februar 1874 wurde Helene Jacobs in Heiligenhaus bei Velbert geboren. Ihre Eltern waren Salomon Jacobs und Louise Voß. Ihr Vater stammte aus Heiligenhaus, wo er 1848 zur Welt gekommen war. Ihre Mutter Louise war 1844 in Würselen bei Aachen geboren worden. Helene hatte sechs Geschwister: Gustav (1878-1943), Meta (1880-1944), Hedwig (1881-1882), Arthur (1882-1942), Nora (1884-1941) und Adele (1888-1939). In der Familie wurde sie Lenchen genannt. Fast alle diese Geschwister wurden später Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, nur Hedwig verstarb im Säuglingsalter: Gustav wurde im Vernichtungslager Auschwitz, Nora im Ghetto Minsk, Meta im KZ Riga-Kaiserwald und Arthur in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim ermordet, Schwester Adele starb in der Heil- und Pflegeanstalt Düsseldorf-Grafenberg. Ihr Bruder Arthur war ab 1937 durchgängig in Konzentrationslagern inhaftiert, zunächst im KZ Sachsenhausen, dann in KZ Dachau und zuletzt im KZ Neuengamme bei Hamburg.

Am 17. Dezember 1897 heiratete Helene den Metzgermeister Salomon (Sally) Schieren, der 1869 in Neuß zur Welt gekommen war. Sie zog nach der Hochzeit zu ihrem Mann nach Düsseldorf. Er hatte dort im April 1894 die „Derendorfer Fleischhalle“ zunächst in der Nordstraße 48 gegründet. Das Geschäft produzierte und verkaufte Wurstwaren. Später verzog die Firma zunächst zur  Kreuzstraße 67, dann zur Schadowstraße 64 und von dort 1898 schließlich zum Wehrhahn 30a. Salomon Schieren, dessen Vater Metzger und Synagogendiener in Neuß gewesen war, ließ seine koscheren Schlachtungen durch das Rabbinat der Synagogengemeinde Düsseldorf überprüfen und mit Koscher-Zertifikat auszeichnen. Die Metzgerei bot nur Rind-, Hammel- und Lammfleisch sowie Geflügel an. Privat wohnte das Paar im eigenen Haus Am Wehrhahn 30. Helenes Schwager, der Metzger und Kaufmann Jonas Schieren, und der Schwiegervater lebten in der direkten Nachbarschaft im Haus Wehrhahn 26/28.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Helene Schieren 59 Jahre alt, ihr Ehemann Sally Schieren schon 64-jährig. Ihr Geschäft hatten sie schon lange an einen Nachfolger verkauft. Sie wohnten immer noch in ihrem Haus am Wehrhahn 30. Ab 1937 lebte das kinderlose Paar dann an der Schloßstraße 30. In der Pogromnacht 1938 wurden sie nicht überfallen. Möglicherweise war ein Fehler im Düsseldorfer Adressbuch der Grund: dort stand , sie würden im Haus 70 wohnen. Nach der Pogromnacht nahmen Helene Schieren und ihr Ehemann ihre Verwandte Amalie Malsch bei sich auf. Diese war zusammen mit ihrem Ehemann Paul Malsch in ihrer Wohnung in der Adersstraße 77  überfallen worden. Da ihr Mann verhaftet worden war, wollte sie vermutlich nicht allein in der zerstörten Wohnung bleiben. Am 22. November 1938 schrieb Amalie Malsch an ihren Sohn Willy in die USA: „Ein Verwandter aus der Schloßstraße (Schieren) ist heute nach Stuttgart gefahren, in seiner Sache, er will sich für uns dort intensiver einsetzen, was der tun kann, tut er für uns bestimmt in Stuttgart.“ Am 29. November 1938 schrieb Amalie Malsch: „Ich bin seit einigen Tagen in der Schloßstraße (bei Verwandten), weil es mir zu Hause zu einsam ist.“ Am 9. Dezember 1938 schrieb sie: „Vorläufig bin ich bei Schieren gut aufgehoben. (…) Herr Sch. liegt zu Bett, hat Rheumatismus.“ 

1940 wohnte Helene Schieren mit ihrem Ehemann im Haus Grafenberger Allee 129. Ihr Mann starb am 28. Oktober 1940 im Theresienhospital. Seit dem 1. September 1941 musste Helene Schieren an ihrer Kleidung einen sogenannten Judenstern tragen. Im Sommer 1942 erfasste die Gestapoleitstelle Düsseldorf die älteren jüdischen Menschen in ihrem Bezirk. Für Helene Schieren wurde von der Gestapo einmal „Grafenberger Allee 129“ und auf einer anderen Zusammenstellung nur „Altersheim“ vermerkt. Im Hausbuch des Altersheims der Jüdischen Gemeinde in der Grafenberger Allee 78 ist sie jedoch nicht namentlich verzeichnet. Möglicherweise hat sie sich nur zur Deportation dorthin begeben. 

Am 21. Juli 1942 wurde Helene Schieren über den Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf mit dem Sonderzug VII/1 unter der Nummer 807 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Aus dem Ghetto wurde sie am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort nach der Ankunft ermordet.

Autoren: Dr. Bastian Fleermann und Hildegard Jakobs (Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf)