Markus, Dina
Am 5. Januar 1910 kam Dina Markus als erstes Kind des Ehepaars Felix und Julia Markus, geborene Hanau, in Recklinghausen zur Welt. Ihre Eltern hatten im Vorjahr am 4. März 1909 in Aplerbeck geheiratet. Dinas Vater Felix Markus war gebürtig aus Recklinghausen. Seine Frau Julie stammte aus Brotdorf bei Merzig, wo sie 1877 zur Welt gekommen war.
Als Dina fast zwei Jahre alt war, kam ihre Schwester Martha zur Welt. Die Familie wohnte in Recklinghausen in der Bochumer Straße 111. Ihr Vater führte ein Geschäft für Obst, Gemüse und Südfrüchte. Sie unterhielten auch einen Gemüsestand auf dem Wochenmarkt. Dina und ihre Schwester besuchten in Recklinghausen die Schule.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen war Dina Markus 23 Jahre alt. Das Geschäft ihrer Eltern hatte vom ersten Tag an, an den Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte zu leiden. Am 2. Dezember 1935 zog Dina Markus von Recklinghausen nach Düsseldorf. Ab dem 7. Dezember 1935 wohnte sie in der Stromstraße 4-6. Im dortigen Hausbuch wurde als ihr Beruf „Hausgehilfin“ eingetragen.
Am 7. Februar 1936 zog Dina Markus um in die Rather Straße 56. Das Haus gehörte der jüdischen Familie Cohen. Arthur Cohen unterhielt im Parterre des Hauses, das direkt gegenüber vom städtischen Schlachthof lag, das Fachgeschäft für Häute, Därme und weitere Spezialmaschinen für Metzgereibedarf „J. Cohen“. Noch im Haus in der Rather Straße 56 wohnte zu dieser Zeit der 77-jährige Firmengründer Isaak Cohen mit seiner 73-jährigen Ehefrau Eva, geborene Kamp. Vermutlich half Dina Markus ihnen im Haushalt. Am 30. September 1938 zog Dina Markus gemeinsam mit den Eheleuten Cohen in das Haus ihres Sohnes Arthur in die Graf-Recke-Straße 49. Dieser Umzug könnte ein Grund dafür sein, dass auch Dinas Schwester Martha Markus ab dem 12. September 1938 im Privathaus der Familie Cohen in der Graf-Recke-Straße gemeldet war. Dort haben vermutlich beide Schwestern die Überfälle im Zuge des Novemberpogroms 1938 miterleiden müssen. Der neunte November 1938 war ein Mittwoch. In der Nacht begannen die ersten Überfälle auf jüdische Wohnhäuser. Auch die Familie Cohen wurde überfallen und Arthur Cohen und sein Vater Isaak Cohen verhaftet. Während des Überfalls erlitt die 75-jährige Eva Cohen einen schweren Schlaganfall. Das Geschäft in der Rather Straße wurde ebenfalls überfallen und vieles der Einrichtung zerstört. Nachdem Arthur Cohen aus dem KZ Dachau wieder zurück war, musste das Geschäft „arisiert“ werden.
Auch in ihrer Heimatstadt Recklinghausen waren jüdische Familie überfallen und Geschäfte zerstört worden. Dinas Schwester Martha sagte 1988 in einem Interview: „Die Obst- und Gemüsegeschäfte meines Vaters (Bochumer Straße 111) und meines Onkels Alex waren heil geblieben, während das Geschäft meines Onkels Robert (Steinstraße 12) zerstört worden war. (…) Nachdem die Nazis unsere Synagoge zerstört hatten, fanden die Gottesdienste (…) zuerst in unserem Haus statt“.
In Düsseldorf plante die Familie Cohen nun intensiv die Emigration. Ihr Sohn Walter befand sich schon in Großbritannien. Seine Schwester Margot schrieb ihm aus Düsseldorf Anfang 1939 über ihren Geburtstag und die Geschenke, die sie bekommen hatte. Sie schrieb: „von Dina und Martha [bekam ich] eine Packung Kekse.“ Am 30. Juni 1939 schrieb Arthur Cohen an seine Kinder in Großbritannien: „Dina ist heute weg, sie fährt nach Hause, fährt nächste Woche von hier aus nach Holland, Schwester Martha hat sich heute verabschiedet“. Am 9. Juli 1939 schrieb Eva Cohen an ihren Sohn Eugen, dem ebenfalls die Emigration nach Großbritannien mit seiner Familie geglückt war: „Dina ist heute nach Den Haag gefahren, Martha geht am 1. August.“
Offiziell meldete sich Martha Markus aus Düsseldorf am 1. August 1939 nach Recklinghausen ab. Die offizielle Abmeldung von Dina Markus war einen Monat zuvor am 13. Juli 1939 erfolgt. Ab dem 18. Juli 1939 war sie in Den Haag in der Daendelstraat 7 gemeldet. Auf ihrer Meldekarte wurde als Beruf „Dienstbote“ notiert. Am 12. Januar 1940 zog Dina Markus um in die van Montfoortlaan 11. Unter dieser Adresse wurden in der Zeitung „Haagsche couant“ regelmäßig „Mädchen gesucht, die gut kochen und selbst arbeiten können“. Vermutlich erhoffte sich Dina Markus dort eine Anstellung. In dem Haus wohnte das ehemals Mannheimer Ehepaar Robert Karl Hermann und Ehefrau Gertrud mit ihren Kindern. Sie wurden später auch ein Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung.
Der Überfall der deutschen Wehrmacht im Mai 1940 auf die Niederlande und die anschließende Besetzung war sicherlich auch für Dina Markus ein Schock. Ab dem 14. November 1940 lebte Dina Markus in Hilversum. Die Adresse war zunächst Diependaalsche Drift 24. Das Haus gehörte dem jüdischen Krefelder Seidenhändler Carl Bruno Königsberger. Dieser war 1938 aus Krefeld in die Niederlande geflüchtet.
Ab dem 2. April 1941 lebte Dina Markus in der Gijsbrecht van Amstelstraat 100. Seit Ende April 1942 musste Dina Markus, wie alle Juden in den Niederlanden, einen gelben „Judenstern“ an der Kleidung tragen. Im Mai 1942 mussten die ersten jüdischen Flüchtlinge Hilversum verlassen und nach Amsterdam ziehen. Ab dem 23. Juli 1942 war auch Dina Markus in Amsterdam gemeldet. Sie kam im Haus Velazquezstraat 12 unter. Die Straße lag im Süden von Amsterdam. Das Haus gehörte dem Architekten Simon le Grand (1902-1986).
Am 2. September 1942 fand eine großangelegte Razzia in Amsterdam statt. Zusammen mit vielen anderen wurde Dina Markus zunächst zum Sammelplatz im ehemaligen Theater „Hollandsche Schouwburg“ gebracht und dann zum sogenannten Polizeilichen Durchgangslager Westerbork transportiert. Dort wurde sie am 3. September 1942 registriert. Am nächsten Tag wurde sie von dort in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Von dem Transport wurden 53 Frauen als Häftlinge in das Lager aufgenommen. Die restlichen 661 Menschen wurden sofort nach der Ankunft ermordet. Dina Markus hat nicht überlebt.
Ihre Eltern, die mit Dinas Schwester Martha, in Recklinghausen geblieben waren, waren bereits am 27. Januar 1942 in das Ghetto von Riga deportiert worden. Felix und Julie Markus starben 1943. Nur ihre Schwester Martha Markus überlebte die Deportationen und wurde 1945 zu Kriegsende befreit. Sie kehrte später wieder nach Recklinghausen zurück.