Gedenkbuch

Frankenstein, Lili (Lilli)

Am 9. November 1889 kam Lili (auch Lilli) Ottilie Frankenstein als erstes Kind des Ehepaars Julius und Hedwig Frankenstein, geborene Gräfenberg, in Aachen zur Welt. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt wohnte die Familie in Aachen in der Kaiserallee 18. Ihre Schwester Ida Henriette wurde am 6. Juni 1891 geboren. Die Schwester Luise Anna folgte am 4. Januar 1896. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie schon im eigenen Haus in Aachen in der Marktstraße 2. Ihr Vater arbeitete als Versicherungskaufmann und als Vertreter großer Tuchfirmen. Seit 1887 war er Vizepräsident im Aachener Karnevalsverein. Im März 1888 hatten sich ihre Eltern verlobt und dann am 18. September 1888 geheiratet.

Lili besuchte von 1896 bis 1904 die Viktoria-Schule in Aachen. Danach ging sie auf das Mädchengymnasium in Köln. Am 26. März 1909 legte sie am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln die Reifeprüfung ab. Anschließend schrieb sie sich in der Universität Göttingen ein, um Klassische Philologie, Philosophie und Germanistik zu studieren. Möglicherweise war der Studienstandort auch gewählt, da ihre Mutter aus Göttingen stammte. Lilis Großvater Nathan Gräfenberg führte in Güttingen ein Kaufhaus.

Zum Wintersemester 1910/11 wechselte Lili Frankenstein an die Universität Bonn und zum Wintersemester 1911/12 an die Universität Greifswald. Ab März 1914 bereitete sie sich auf die Lehramtsprüfung vor, aber nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach sie ihre Vorbereitungen. Sie vertrat vom September 1914 bis Ende März des nächsten Jahres eine Lehrerstelle an der Viktoriaschule in Aachen. Am 21. und 22. Januar 1916 legte sie an der Universität Greifswald ihre Lehramtsprüfung in den Fächern Latein, Griechisch, philosophische Propädeutik und Deutsch ab. Am 3. August 1916 bestand sie erfolgreich eine Erweiterungsprüfung. So verfügte Lili Frankenstein über eine Lehrberechtigung im Fach Deutsch für alle Klassen. Von Ostern 1916 bis Ostern 1918 absolvierte Lili Frankenstein den Vorbereitungsdienst für das höhere Lehramt. Zunächst absolvierte sie ein Seminarjahr an der Königlichen Augusta Schule in Berlin-Steglitz. Daneben unterrichtete sie vertretungsweise an der Augusta-Viktoria-Schule in Berlin-Charlottenburg, wo sie zu Ostern 1917 das Probejahr antrat. Die zweite Hälfte des Probejahrs ab Dezember 1917 leistete sie an der Fürstin-Bismarck-Schule in (Berlin-)Charlottenburg ab und wurde dort am 1. April 1918 als Hilfsoberlehrerin angestellt.

Ihre Mutter Hedwig Frankenstein arbeitete während des Ersten Weltkrieges in der Leitung von Volksspeisungen und Nähstuben. Sie wurde im Juni 1918 für ihre Leistungen mit dem Verdienstkreuz für Kriegshilfe ausgezeichnet. Ihr Vater war mittlerweile Elferrats- und Ehrenmitglied des “Aachener Karnevalsverein”.

1920 nahm sie ihr Studium an der Universität Greifswald wieder auf. Sie verfasste bei Erich Pernice eine Dissertation über Tarentiner Terrakotten. Am 17. Mai 1921 wurde sie zum Dr. phil. promoviert und am 23. Juli 1921 legte sie eine Zusatzprüfung in den Fächern Archäologie und Kunstgeschichte ab. Vom 9. November 1921 bis zum August 1922 unterrichtete Lili Frankenstein als Lehrerin und Erzieherin an der Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach. Anschließend versuchte sie zunächst erfolglos eine langfristige Anstellung zu finden. Sie zog wieder zu ihren Eltern nach Aachen.

Im Jahr 1924 arbeitete sie in freiwilliger Mitarbeit für das historische Museum in Aachen. Sie ordnete und verzeichnete die Sammlung griechischer Terrakotten. Ihre Arbeit wurde namentlich in einem Zeitungsartikel im „Echo der Gegenwart“ am 12. Juli 1924 gewürdigt. Anfang des Jahres 1926 hielt sie im Aachener Atelierhaus in der Casinostraße 68 „Unterrichtsvorträge mit Lichtbildern über Kunst und Kunstgewerbe“. Schließlich arbeitete sie ab dem 27. April 1926 als Studienassessorin. Zunächst war sie bis zum 8. April 1927 am Städtischen Lyzeum in Krefeld.

Während dieser Zeit verfasste sie auch Artikel in unterschiedlichen Zeitungen und Publikationen. So erschien im November 1926 ein Artikel über „Landerziehungsheime und freie Schulgemeinden“ in der Zeitschrift „Deutsche Frauenkleidung und Frauenkultur“. Ab April 1927 arbeitete Dr. Lili Frankenstein am Städtischen Oberlyzeum in Rheydt. Am 17. April 1928 wechselte sie an die Städtischen Victoriaschule in Essen. Am 1. April 1930 wurde sie zur Studienrätin ernannt, arbeitete aber weiterhin als Assessorin. Ab dem 1. Mai 1930 wirkte sie an der Städtischen Studienanstalt in Duisburg. Im Oktober 1931 erhielt Dr. Lili Frankenstein schließlich eine Festanstellung als Studienrätin in Düsseldorf, wo sie an der Städtischen Augusta-Viktoria-Schule unterrichtete.

In Düsseldorf wohnte sie zusammen mit ihrer Schwester Dr. Luise Frankenstein in der Hoffeldstraße 5. Sie und ihre Schwester wurden Mitglied im Israelitischen Frauenverein und der Düsseldorfer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes: Im Juni 1930 hielt ihre Schwester einen Vortrag in der jüdischen Gemeinde über die Pionierin der deutschen Frauenbewegung: „Helene Lange, ihr Leben und ihr Werk“. Am 18. Oktober 1930 hielt Lili Frankenstein in der Loge in der Grafenberger Allee 78 einen Vortrag mit Lichtbildern zum Künstler Max Liebermann. Im Anschluss an die Abendveranstaltung wurde zum „gemütlichen Beisammensein“ eingeladen. In der Ausgabe des Düsseldorfer Stadt-Anzeigers vom 20. Oktober 1932 erschien ein ausführlicher Artikel über ihren Vortrag.

Zum 80. Geburtstag ihres Vaters Julius Frankenstein erschien in der Aachener Zeitung „Echo der Gegenwart“ am 15. Oktober 1932 ein ausführlicher Artikel. Der „Aachener Anzeiger“ brachte einen großen Artikel mit einem Foto ihres Vaters. Es sollte die letzte öffentliche Würdigung der Verdienste ihres Vaters in Aachen blieben. Dann kam die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dr. Lili Frankenstein wurde im April 1933 aus dem Schuldienst entlassen wegen ihrer jüdischen Herkunft. Die offizielle Grundlage beruhte auf dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933. Ihr Vater protestierte gegen diese Maßnahme mit einem Brief, aber ohne Erfolg.

Im Dezember 1933 meldete sich Dr. Lili Frankenstein nach Aachen ab. In den folgenden Jahren lebte Lili Frankenstein bei ihren Eltern in Aachen. 1935/36 bot Lilli Frankenstein “Fremdsprachlichen Unterricht” in der Synagogengemeinde Aachen an. Am 16. Mai 1938 verunglückte ihr 86-jähriger Vater. Er verstarb am 20. Mai 1938. Zwei Jahre später wurde ihr Elternhaus “arisiert”. Am 24. August 1938 wurde die Firma ihres Vaters endgültig aus dem Aachener Handelsregister gelöscht.

Ihrer Schwester Dr. Ida Frankenstein gelang 1939 die Ausreise nach Schweden. In Stockholm lebte sie im Haus Eriksbergsgatan 5 und wartete auf eine Möglichkeit zur Weiterreise in die USA. Lilli Frankensteins Schwester Luise gelang im gleichen Jahr die Ausreise nach Großbritannien. Sie zog nach London und arbeitete als „Social Worker“ für die „International Nurses Association“. Lili Frankenstein blieb bei ihrer Mutter in Aachen. Die Mutter starb am 7. April 1941. Kurze Zeit später musste Dr. Lili Frankenstein ihr Elternhaus verlassen. In Aachen wurde ab April 1941 die Einweisung der jüdischen Bevölkerung in sogenannte Judenhäuser forciert. Eine dieser Zwangsunterkünfte war das ehemalige jüdische Altersheim in der „Horst-Wessel-Straße“ 87. Die heutige Ortsbezeichnung ist Kalverbenden. Dorthin musste Lili Frankenstein ziehen. Sie lebte dort ab dem 19. September 1941.

Am 22. März 1942 wurden 965 Personen aus dem Regierungsbezirk Aachen und dem Regierungsbezirk Koblenz mit einem Transport per Zug in das Ghetto Izbica deportiert. Der Name von Dr. Lili Frankenstein ist auf der nachträglich rekonstruierten Deportationsliste vermerkt. Sie hat nicht überlebt.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf